Matterhorn -
Berg der Berge







Schweiz/Italien
(M. Cervino)
Höhe: 4478 m
Talorte: Zermatt (CH), Breuil/Cervinia (I)



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Bekannteste Routen:
Hörnligrat (NO) Liongrat (SW) Zmuttgrat (NW) Furggengrat (SO) Nordwand



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Führer:
4000er Die Normalwege
(R. Goedeke -
Verlag J. Berg)
Auswahlführer
Walliser Alpen
(m. Karte 1:100.000)
(L. Weh - Rother-Verlag)



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weitere Karten:
Landeskarte Schweiz 2515 (1:25.000) od. 1347, auch LKS 5006 (1:50.000), KOMPASS-Karte Breuil-Cervinia Zermatt (1:50.000)



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Zugang Hörnligrat:
Anreise mit Zug: Zermatt
PKW: bis Täsch, dann Zug (12 SF) nach Zermatt (Fahrverbot);
zu Fuß oder mit Seilbahn (23 SF)
zum Schwarzsee, Aufstieg über Hirli zur Hörnlihütte 3260 m (vorbestellen Tel. 028-672769), daneben Hotel Belvédère.
Solvayhütte nur für Notfälle!



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Hörnligrat (NO)
Erstbegehung: 1865
(E. Whymper u. Gef.) Schwierigkeit: AD-
sehr langer Aufstieg
(1200 Höhenmeter!);
Kletterstellen III- vor und nach Solvayhütte (4003 m),
am Gipfelaufbau ohne Nutzung der Fixseile IV/IV+



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Ausrüstung:
Pickel, Steigeisen, Gurt &Seil & Schlingen, Wetterschutz, Biwaksack, Helm, Kopflampe, gr. Karabiner od. Schlinge zum Mitlaufenlassen für die sehr dicken Fixseile ab Schulter




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Erfüllung eines Traumes

Nachdem wir (das sind meine Seilgefährtin der letzten Jahre Grit und ich) im Sommer '90 den ersten Alpen-Schnupperkurs in den Dolomiten hinter uns gebracht und dabei auch noch manches Lehrgeld gezahlt hatten, sollte es 1991 nun das Matterhorn sein. Wir hatten eine große Vorliebe für richtig "gipflige" Berge und Felsen. Deshalb erfüllten wir uns zum Abschluß des vorherigen Urlaubs auch noch schnell einen solchen Traum: Guglia di Brenta. Aber das wäre schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Auf jeden Fall waren wir bereit, alle Vorurteile und Gerüchte, die zu den Begleitumständen einer Matterhorn-Besteigung im Umlauf sind, beiseite zu schieben. Was wurde da alles gemunkelt! Da sollten angeblich nachher die Seile braun sein von den vielen Häufchen unterwegs - wir haben keinen gesehen.

Beim Weihnachtsurlaub im Saaser Tal nutzten wir schon mal die Chance für einen Blickkontakt mit dem Berg der Berge - und erschraken bei bleigrauem Himmel doch so ziemlich vor dieser dunklen, drohenden Riesenpyramide über Zermatt. Uns war klar, daß wir sie nicht auf die leichte Schulter nehmen durften.

So sah uns ein schöner Morgen am 2. August mit schwerem Gepäck in Richtung Weißmieshütten dampfen. Da das Westgeld noch recht knapp war, hatten wir unser Bergzelt dabei und stellten es in der Nähe der Hütte auf. Die nächsten Tage taten wir alles für eine ordentliche Akklimatisation, bewältigten mit dem Jägihorn (3206 m), dem Fletschhorn (3996 m) und dem Lagginhorn (4010 m) schon ein paar ordentliche Höhenmeter und genossen auch die wunderschönen Nebentäler mit ihren Seen, Blumen, Gemsen und Steinböcken.

Unser Tatendrang wuchs, aber der Angriff auf unser Traumziel wurde durch ein Unwetter gebremst, das das gesamte Mattertal mit Schlamm und Geröll heimgesucht hatte. Randa stand noch unter Wasser und konnte auch 2 Tage danach nur über eine Pontonbrücke passiert werden. Endlich! Nach einer Übernachtung im Auto kommen wir nach Zermatt, das fest in japanischer Hand war. Wir schleppten wieder unser Zelt mit, deponierten es dann auf dem Felsriegel über dem Schwarzsee (Hirli) und stiegen noch zur Erkundung zur Hörnlihütte weiter. Oh je, hier wimmelte es ja nur so. Bunte Cracks parlierten in allen möglichen Sprachen und paradierten mit ihrer Ausrüstung auf und ab. Da wurde ich ganz klein mit meinem Holzpickel und den alten Steigeisen, die schon mal eine Zacke im Kaukasus verloren hatten. Wir bestellten unser Asyl für die folgende Nacht und hatten noch einen schönen stillen und beschaulichen Abend am Zelt auf dem Hirli.

Den nächsten Tag verbrachten wir mit unseren Vorbereitungen, beobachteten die Zurückkehrenden, stiegen schon mal ein Stück auf, um für den bevorstehenden Aufbruch im Dunklen gewappnet zu sein. Nach einer kurzen und unruhigen - also typischen - Hüttennacht auf ca. 80 cm schmaler Schlafstatt (für 23 SF) gab es gegen halb 3 die niederschmetternde Nachricht, daß es regnet. Aber kurz vor 4 wurde doch aufgestanden, hastig gefrühstückt - und los ging es. Das Wetter war noch undefinierbar, aber es regnete nicht mehr.

Am Berg vor uns zappeln schon viele Glühwürmchen, gleich nach dem eigentlichen Einstieg, an dem einige Tschechen mit noch weniger Westkohle biwakiert hatten, gibt es den ersten Stau. Aber komisch, nach einer Viertelstunde sind wir auf einmal allein. Unsere am Vortag erkundete Variante scheint recht günstig zu sein. Nur ein Japaner in Rettungsfolie, der von einem Kameraden bewacht wird, scheint noch vom Vortag übrig zu sein. Auf jeden Fall gibt es nun erst einmal genügend Platz. Erst kurz vor der Solvayhütte (4003 m) gibt es einen kleineren Auflauf an der Kletterstelle, aber auch hier haben wir als gelernte Sachsen keine Mühe, da wir uns nicht unbedingt an der leichtesten Variante anstellen müssen. Danach wird es manchmal fast einsam - bis zum nächsten Nadelöhr an der Schulter. Gelegentlich kommen uns schon Seilschaften auf dem Rückweg entgegen. Die zaghaften Konversationsversuche mit den Bergführern bleiben mir ob deren Unfreundlichkeit immer mehr im Halse stecken. Ein wenig kann ich sie ja verstehen, die da aufwendig die Tour mit Seilen, Ketten, Stangen präpariert haben und dann von den vielen Touris beim schnöden Geldverdienen ausgebremst werden, aber hat denn ein Normalsteiger nicht auch ein Recht auf ein schönes Bergerlebnis ohne böse Blicke? Doch da kommen auch uns gerade an einer kettengesicherten Steilstufe sage und schreibe und staune 10 (!) Japaner und -innen an e i n e m Seil (mit Prusikschlingen aufgereiht) entgegengerutscht, und ich verstehe die Blicke der Bergführer wieder etwas besser.

In den letzten Schneefeldern zum Gipfel ist es nur noch eine Frage der Kondition, und ich bin froh, daß wir ganz gut an die Höhe angepaßt sind. Mittags gegen 1 stehen wir mutterseelenallein in 4478 m Höhe, und die Sonne freut sich mit uns. Es ist das tollste Gipfelgefühl, das ich je hatte. Ringsum geht der Blick weit in die Tiefe. Selbst Berge wie Dent d'Hérens und Dent Blanche - ganz gewiß keine Zwerge - erscheinen ziemlich winzig. Und ganz dort unten wuseln bestimmt wieder die Japaner durch Zermatt! Wir gönnen uns eine ausführliche Gipfelpause.

Beim Abstieg kommt uns niemand mehr entgegen, wir sehen nur noch einige Seilschaften umkehren. Bald erreichen wir ein reichlich unerfahrenes Quartett, das sich (zum Glück) auch für abwärts entschieden hatte. Sie sind arg langsam, und wir wissen nicht so recht, ob wir sie zurücklassen können. Wir bringen sie bis zur Solvayhütte, wo schon 4 der so bunten italienischen Cracks ihren Aufstieg abgebrochen haben und sich zum Übernachten einrichten. Zu acht wird es wohl warm werden, aber besser riechen wird es wohl nicht. Obwohl wir ahnen, daß nach der Verzögerung auch für uns die Zeit knapp wird, steigen wir weiter ab. Es wird langsam dämmriger und nebliger. So entschließen wir uns, rechtzeitig einen geeigneten Biwakplatz zu suchen und richten uns so gut wie möglich auf die Nacht ein. Biwaknächte sind ja immer sehr beeindruckend, schon wegen ihrer scheinbar endlosen Länge. Aber als dann das erste Morgenlicht auf den aus der Ferne grüßenden Mischabelkamm fällt, ist all das Kalte und Unbequeme vergessen. Wir drehen den Biwaksack mit der feucht gewordenen Seite nach außen, ziehen die Füße aus dem Rucksack, machen uns ein schönes Frühstück und freuen uns über unseren luftigen Ausguck. Unsere Villa Morgensonne ist etwa 50 m neben der Hauptroute, so daß wir ganz unbemerkt zusehen können, wie die Bergführer ihre armen Klienten am kurzen Seil bergauf treiben. Wahrscheinlich hoffen einige darauf, daß diese vorzeitig die Nase voll haben - da könnte man ja einen Tag gewinnen und die nächsten Kunden angeln.

Uns können die heute alle mal... Wenn wir nicht mitfühlsam wären, könnte man fast über eine Zweier-Seilschaft lachen, die sich offenbar im unteren Teil rettungslos zu weit nach links verfranst hat. Ihnnen bleibt nur noch die Umkehr. Wir sehen von weitem, wie der Vorsteiger nach Erreichen des sicheren Geländes das Seil hinknallt und einen wütenden Rumpelstilzchentanz aufführt. 2 frühe Opfer des Ansturms. Ich schätze an der Zahl derer, die uns abwärts in der Gipfelregion entgegenkamen, daß von den ca. 100 Tatendurstigen an unserem Tag bestenfalls 30 den Gipfel erreicht hatten. Und es geht nicht bei allen glimpflich ab. Am Einstieg ist eine kleine Tafel mit einer englischen Inschrift angebracht. Eine Mutter bittet, daß keiner leichtfertig an den Berg gehen möge, damit es seiner Mutter nicht wie ihr geht, die um ihren Sohn trauern muß. Er ist einer von mehr als 500, die hier schon den Tod fanden.

Das Wetter ist wieder schön geworden, und wir haben gerade noch Geld für ein Bier und eine Suppe... Tschüs, du schöner, stolzer Berg, vielgelobt und vielgeschmäht. Ich war begeistert. Mit der richtigen Einstellung ist er ein unvergeßliches Erlebnis.

Wer die folgenden 10 Ratschläge beachtet, wird wohl ebenfalls die besten Erinnerungen von dieser Bergfahrt mitnehmen:

  • Gut abschätzen, ob man dem Unternehmen wirklich gewachsen ist.
  • Vorher gut akklimatisieren.
  • Schon zu Hause etwas für die Kondition tun.
  • Bis III sollte man sicher klettern können.
  • Die unübersichtliche Einstiegszone vorher erkunden.
  • Nicht von Hüttenstress; und knispligen Bergführern die Laune verderben lassen.
  • Für mögliches Biwak gerüstet sein.
  • Steigeisen nicht vergessen!
  • Bei schlechten Bedingungen rechtzeitig umkehren.
  • Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme bei Gegenverkehr!

P.S.: Ein angenehmer Kontrast zu Schnee und Eis war der 2. Teil unseres Urlaubs: Orpierre, Verdon, Esterel, Ardeche ..., also Südfrankreich mit Sonne pur, und nur halb so teuer! Unterwegs gab es die 1. begehrlichen Blicke auf den schon beschriebenen Mont Aiguille. Zum Glück werden die Traumziele nie alle!