Die Erfindung der Rissleder
Gerald Krug schreibt in seinem Buch
Leben in den kleinen Felsen - Klettern in der DDR
(ISBN 978-3-00-053366-2) auf S. 214:
Den etwas anderen Knöchelschutz darf man über die allgegenwärtige Schuhfrage nicht vergessen. Gemeint sind die Handknöchel. Denn die werden durch das Rissklettern stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Amerikaner waren es wohl, die für dieses Problem die Verwendung von Tape (Rollenpflaster) in den Klettersport einführten. Die exzessive Verschwendung von Verbrauchsmaterial kam für Ostler wahrscheinlich nicht einmal in die Überlegungsphase, dadurch waren die Nachkriegskinder viel zu sparsam. Und so gebührt es wohl Helmut Bardoux, als Erfinder der Risskletterhandschuhe in die Geschichte einzugehen, wie ein Bericht aus der Vereinszeitschrift "Das Gipfelbuch" der BSG Robur Zittau von 1981 beweist.

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Hier mein Bericht von damals:
Wie die Rissleder entstanden
von Helmut Bardoux

Im Juli des Jahres 1958 gab es für Karlheinz, Wolla, Ernstl, Jörg und mich fast nur ein Kletterziel - das Weißbachtal. Allein zwischen dem 12. und 23. waren wir 5mal hier - und sonst nirgendwo!

In dieser Zeit gab es für uns viele Erlebnisse, die sich mir deutlich eingeprägt haben. Das begann mit den unserer Meinung nach ersten fairen Besteigungen des "Pilz", wofür wir auch einen Ring geschlagen hatten.

Auch an kleinere Randerlebnisse kann ich mich noch gut erinnern. So wurde mir damals richtig klar, dass uneigennützige Hilfe auch sehr gut für die eigene Gesundheit sein kann: Ich borgte Jürgen Kriebel, der mit H.-J. Pollack und H. Köhler am Thielknopf zeltete, mein Fahrrad-Flickzeug. Nachdem es auf meiner Heimfahrt an der Johannquelle einen Knall gegeben hatte, schob ich voller Begeisterung mein Rad nach Hause.

Nachdem wir an diesem Tage das Ringloch für die SO-Kante am Südlichen Uhu geschlagen hatten, stand nun am 20.07. die Erstbegehung auf dem Programm. Doch zunächst ging erst einmal die Schweißstelle von Wollas erstem stolzen Ring auseinander - glücklicherweise ohne Folgen, wenn man von dem Spott absieht, den Wolla versuchte, auf den Schweißer abzuleiten. Was tun? Der erst kürzlich am nicht anerkannten "Pilz" geschlagene Ring musste her - Gelegenheit für mich, gleich erst mal die nächste Besteigung zu machen. Bis der "neue" Ring in der SO-Kante war, gab es Zeit für einige Extraeinlagen. Zuerst machte ich - gewappnet mit Sturzhelm und strumpfgepolsterten Knien - die 2. Begehung des Sprunges vom Südlichen zum Nördlichen Uhu. Dann wurde ein Seil zwischen beiden Gipfeln gespannt, an dem Wolla, Jörg und ich hinüberhangelten. Inzwischen war alles fertig für die Erstbegehung, die auch reibungslos verlief, wenn man davon absieht, dass Ernstl am Überhang unter dem Ring eine schöne Zacke abriss, die wir bisher alle verwendet hatten (und der ich als gerade Mittelgroßer noch heute manchmal nachtrauere). Auf dem Gipfel wurde natürlich wie üblich um Geld "gegaggelt" (mit einem Steinchen in das schöne runde Loch einer dort eingehauenen Jahreszahl).

Zum Ausklang probierten wir noch ein bisschen zum Spaß am Einstieg des geplanten Nordweges am Thielknopf. Heinz Urban und M. Gliffe, die hier vor Jahren den Nordwestweg erstbegangen hatten, kamen zufällig dazu. Wir sahen ehrfurchtsvoll zu, wie Heinz uns den kleinen überhängenden Handriss vormachte. Hätte ich damals schon gewusst, dass er den Nordweg auch schon mal geplant, aber nicht für machbar gehalten hatte - ich glaube, Karlheinz hätte 3 Tage später noch mehr Mühe mit mir gehabt. Auf jeden Fall war das Handrissstück am Einstieg wohl letztlich Anlass für die "Erfindung" der "Rissleder".

Um unsere schon arg strapazierten Handrücken etwas zu schonen, hatten wir breite Leukoplaststreifen darauf geklebt. Einziger Erfolg: Sie "würstelten" schön zusammen. Da ich damals auch etwas geturnt habe und schon manches Stück Haut der Handflächen an der Reckstange hängen geblieben war, fielen mir die dort verwendeten "Reckleder" ein. Ich machte sie einfach verkehrt rum dran. Das probierte ich dann schon nach drei Tagen, als mich Karlheinz an den Weg hetzte. Er als unser Erfahrenster hatte ein Auge für mögliche Neutouren, musste aber bei Aufstiegen mit Baustellen wegen seines Gewichtes und unserer Schwächlichkeit meist auf die Führung verzichten. Über den Einstieg kam ich dank der "Reck-Rissleder" sehr schnell. Aber am Ring ging die Bescherung los. Karlheinz baute mich zuverlässig, Jörg sicherte von unten. Ich fand links vom Riss zwei Löcher für die Füße. Von hier aus müsste es links mit einer Kante auf dem Band ganz leicht gehen - wie Karlheinz meinte. Mit Ach und Krach kam ich wieder runter, ebenso beim 2. und 3. Mal. Karlheinz, der schon mal vom Gipfel bis zu dem Band abgestiegen war, hielt es für einen guten Griff, ich für eine zweifelhafte Auflage. Da bei einem Streit zwischen Geschwistern der ältere Bruder Recht haben muss, auch wenn er es nicht hat, traute ich mir beim 4. Versuch nicht mehr runter, legte ein Bein auf das Band, stützte mich irgendwie mit einer Hand ab - und war auf einmal oben. Karlheinz hangelte dann im Nachstieg nach kurzer Betrachtung vorsichtshalber gleich über die Stelle weg.

Jörg und ich kamen an diesem Tag zu spät zur Nachmittagsschicht, aber das machte mir nicht viel aus - hatte ich doch meine erste Neutour vorgestiegen. Die Rissleder habe ich gleich danach weiter verbessert. Während die Reckleder nur schmal waren und an Handgelenk, Mittel- und Ringfinger befestigt wurden, gingen die neuen Rissleder über den ganzen Handrücken und waren an Handgelenk, Zeige- und kleinem Finger befestigt. Sie hatten den damals mitunter verwendeten Risshandschuhen - Lederhandschuhe mit abgeschnittenen Fingern - einen entscheidenden Vorteil voraus: Die Handflächen blieben frei, nichts störte, wenn Griffe verwendet werden mussten.

Damit war ein Hilfsmittel entstanden, das bei Auswärtigen meist Verwunderung hervorruft, aber bei manchen Kieselwegen im Zittauer Gebirge und bei breiteren Handrissen durchaus angebracht sein kann. Sie gehören auch heute noch zu meinen ständigen Kletterutensilien, und wenn ich sie bei jemandem sehe, rufen sie mir jene Tage im Weißbachtal in Erinnerung.




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Inzwischen wurden unsere damaligen Rissleder, meist aus dem Leder abgelegter Kletterschuhe + angenähte Schlaufen und Bänder aus Schnürsenkeln selbst hergestellt, perfektioniert. Tschechische Produzenten bieten Hightec-Erzeugnisse mit Klettverschlüssen und Gummiauflagen auf dem Handrücken an...